Chance auf Gelassenheit bei Krankheit


17.04.2018

Und wieder mal ist es an der Zeit für einen Gastbeitrag. Meine zauberhafte Kollegin Isabel García habe ich Ihnen in der Vergangenheit als eine von mir sehr geschätzte Expertin für Kommunikation und Rhetorik vorgestellt. Bei unserem letzten Treffen in Hamburg hat sie mir von ihrer Krankheit erzählt – und ich finde es bemerkenswert, wie gelassen, aktiv und offensiv sie mit ihr umgeht. Für mich ist das vorbildlich und ich finde, wir können alle davon lernen.
Daher: „Bühne frei für Isabel!“
Darf ich mich vorstellen? Ich bin Isabel García. Meines Zeichens eigentlich Kommunikationsexpertin. Ich schreibe Bücher über das Thema, halte Vorträge, gebe Trainings und habe auch schon hier bei Christian mal einen Beitrag zu dem Thema geschrieben. Aber nun schlage ich gerade ein völlig neues Kapitel auf. Und zwar eine Thematik, die mich sehr berührt.
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Ich bin eine Frau mit Lipödem. Das ist eine Krankheit. Eine Fettverteilungsstörung. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine hübsche Barbiepuppe bis zur Taille und packen sie auf den Unterkörper von Monchhichi. Kennen Sie noch diese süßen, plüschigen Puppen aus den 70ern? Oben also schlank und ab den Beinen sehr füllig. Nur die Füße sind dann wieder schlagartig schmal und schlank. Sie können sich das nicht vorstellen? Ich wundere mich auch immer wieder, wenn ich in den Spiegel schaue.
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Ich will hier überhaupt nicht jammern. Das liegt mir fern. Das würde auch nicht in so einen schönen Newsletter von Christian passen. Ganz im Gegenteil. Es ist spannend. Ich schreibe nämlich gerade ein Buch darüber und ich bin fasziniert davon, dass diese Krankheit noch so unerforscht ist und die seriösen Ärzte mittlerweile ehrlich zugeben, dass sie leider kaum etwas wissen. Das Figur-Dilemma ist nur das eine, das andere sind die Schmerzen. Denn diese Monchhichi-Beine tun mir jeden Tag ein bißchen weh und bei Berührungen sehr stark.
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Bei manchen bricht es auch in den Armen aus. Jetzt ist Ihre Kreativität gefragt: Stellen Sie sich die Barbipuppe mit Monchhichi-Armen und -Beinen vor. Der Körperstamm ist schlank, Arme und Beine eher unförmig und die Hände, sowie Füße sind wieder ganz schlank. Juchu!!! Da freut sich jede Frau, wenn sie vorm Kleiderschrank steht. Aber das ist ein anderes Thema, über dass ich einen ganzen Roman schreiben könnte.
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Zurück zum Jammern. Leider jammern in der Tat viele über diese Krankheit. Wegen der Schmerzen, wegen der Figur und weil sie sich allein gelassen fühlen. Im Internet gibt es zig Meinungen, von denen die meisten falsch sind. Auch die Ärzte sagen fast alle etwas unterschiedliches. Und die Betroffenen hängen dazwischen und wissen nicht, wem sie glauben sollen, dürfen, können.
Da gilt es, sich in Gelassenheit zu üben. Erstens ist Achtsamkeit sowieso eins der besten Möglichkeiten gegen die chronischen Schmerzen. Und nun verrate ich Ihnen auch, warum ich nicht mehr jammere. Ich springe mit voller Neugierde in dieses Themenfeld rein und finde es klasse, dass diese Krankheit mich dazu bringt, dass ich mich intensiv mit Ernährung, Sport und Gelassenheit auseinander setze. Wer weiß, ob ich es sonst gemacht hätte, wenn ich mit einem normalen Körper beschenkt worden wäre.
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Meine wichtigste Erkenntnis: liebe ich mich selbst? Mit meinen Beinen? Ich habe mich lange nicht gemocht, meine Beine oft verflucht. Und nun treffe ich Menschen, die selbstbewusst mit dieser Krankheit umgehen. Sie tragen kurze Hosen, Minikleider und hautenge Jeans. Und? Sehen toll aus. Eine Dame Ioana Chira hat bei Instagram über eine halbe Millionen Follower. Sie zeigt stolz eine Figur, für die ich mich jahrzehntelang geschämt habe. Und ich denke, dass ist auch der Schlüssel. Wir scheitern hauptsächlich am gängigen Schönheitsideal. Wenn dicke Beine in Mode wären, dann würde ich mich über die Krankheit wahrscheinlich freuen, sie als solche gar nicht ansehen und würde die Schmerzen billigend in Kauf nehmen.
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Und was ich noch gelernt habe für mich: meine Mitte finden. Sowohl mental, als auch beim Essen. Wieder „normal“ werden. Normal essen. Normal leben. Normal am Leben teilnehmen. Und mit „normal“ meine ich „gesund“. Aber eben nicht von einer Diät-Sündigen-Jojo-Falle zur nächsten laufen. Wieder herausfinden, was mir gut tut. Meinem Bauchgefühl vertrauen. Und wenn ich mich nicht liebe … wie will ich dann erwarten, dass andere es tun.
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Neben Ioana Chira lernte ich viele andere großartige Menschen kennen, auf meiner Recherche-Reise, die nun schon ein Jahr lang dauert. Seit 1997 habe ich die Diagnose, aber erst vor einem Jahr beschloss ich, ein Buch darüber zu schreiben. Ich wollte es schon früher tun, aber mir rieten Berater davon ab. Sie hatten Respekt, dass dies von meinem eigentlichen Thema ablenken könnte und ich dann nur noch die „Rednerin mit den dicken Beinen“ wäre.
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Was mich besonders faszinierst ist die Parallele zu meinem Kommunikationsthema. Denn bei beiden gibt es eine große Grauzone. Kein falsch oder richtig. Kein schwarz-weiß. Alles grau. Und in dieser Grauzone darf sich jeder austoben. Sowohl in der Kommunikation, als auch beim Umgang mit dem Lipödem und im Leben. Denn jeder Mensch ist anders. Jeder Lipödem ist anders und jeder redet anders.
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Und das ist auch gut so. Denn diese Andersartigkeit macht unser Leben spannend.

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